reflections // nachdenken

The mic sounds good

La niña hace ver que reza mentras rapea en su cabeza. Hoy a tenida una idea:
Dame palabras como balas.
Das Mädchen tut als würde es beten, während es im Kopf rappt. Heute hatte sie eine Idee:
Gib mir Worte wie Kugeln/Schüsse.
(BOCAdeBABA)

Vom 11.-14. September 2014 fand in Hannover das bigger than… ! feminist hip hop festival statt. Das Wochenende selbst als auch dessen Vorbereitungen waren voller glamouröser wie strapaziöser Momente, haben uns Kraft gegeben, als auch erschöpft. Wir wollen einige unserer Gedanken und Gefühle zu diesem für uns einmaligen Festival teilen und hoffen auf eine lebendige Zukunft von feminist hip hop!

Let’s get things started…

aus der musikanlage dröhnt eine mischung aus 90er-euro-trash und schlechtem techno, die müdigkeit steckt mir in den knochen. die tage sind zu lang und die nächte zu kurz zwischen den treffen, den telefonaten, dem recherchieren und basteln, den gesprächen wie wir das oder jenes machen können, wie es werden wird… zwischen all dem bleibt kaum ein ruhiger moment. jetzt stehen wir hier und wissen nicht, wo anfangen und wie.

Wir haben noch nie so etwas Großes organisiert. So viele Acts auf einmal eingeladen. So viele Leute in unseren und in Gästezimmern und WGs unterbringen wollen. Wir spielen „Schlafplatz-Monopoly“ – überlegen bis tief in die Nacht, wer wo wann schlafen kann. Wir beziehen Matratzen, legen Kissen und Decken bereit. Wir sind aufgeregt, euphorisch, manchmal haben wir Angst, dass uns das Ganze über den Kopf wächst – aber während der gemeinsamen Abendessen um den großen Tisch in der Woche vor dem Festival wächst die Vorfreude: auf die Konzerte, die Workshops, unsere Freund*innen, Menschen, die wir noch nicht kennen, vertraute Orte ganz anders und ganz anders unsere eigenen.

check one :::

HipHop knallt rein. Vor allem live und laut. Aber auch leise. Im Zusammenspiel von beats, rhyme, flow, message und performance passiert etwas. Etwas anderes als würde sich eine hinstellen und aus einer Flugschrift vorlesen oder ein Gedicht vortragen. Etwas anderes als würde sich eine hinstellen und uns einen beat vorspielen. Stimme und beat gehen einen Pakt ein und wir haben Lust zuzuhören.

Samstagabend, 22 Uhr. Bahati steht auf der Bühne, sie steht im Licht der Scheinwerfer und lächelt. Das Publikum lächelt zurück.

meine welt ist schwarz wie das all, seine löcher und planeten
schwarz wie die dynastie unserer propheten
schwarz wie meine haut so weich
schwarz wie der kontinent so reich
schwarz wie die schrift, die wir in büchern lesen
schwarz woher wir kommen – schwarz wohin wir gehen
schwarz wie der stein, der das feuer entfacht
wie mohn am hindukusch von der bundeswehr bewacht
schwarz wie der monitor des rechners den ich ausschalt`
schwarz wie emotionen, wenn man aufsteht und die faust ballt
schwarz wie all die zahlen wenn man erntet was man säte
schwarz wie die geheimen dinge, die man gerne täte
schwarz wie wimperntusche, schwarz wie der kajal
schwarz wie sexy, mysteriös, schick und illegal

check two :::

Samstagabend, 24:00 Uhr. Der Raum ist voll. Das Festival bigger than ich es mir je ausgemalt hätte. Auf der Bühne steht MCMustaj und rappt.

Another day, another craze I’m falling down
I’m exploding with these loops inside my head, cant send them out
I’m feeling lost, I’m not enough, I cover it up, I do the bluff

Der Raum ist voll. Voller Menschen, voller Leben, voller Leidenschaft, Bewegung, Grinsen, Lachen, Power, Wut. Der Raum ist voll und ich habe das Gefühl, Platz zu haben. Here we are.

talk to the moon, sing to the sun, drown my sins with the wind
accepting who I was is only the beginning of this trip
and now I wanna go further, keep the transformation burning
and even though its hurting I need it because I’m learning

Nebenan bei der Eingangstür macht sich zur selben Zeit bemerkbar, dass wir das Parallelprogramm der Hannoveraner Nordstadt für diesen Abend übersehen haben: Kneipennacht. Die neigt sich jetzt dem Ende zu. Aber die Leute sind das Bier noch nicht müde und so nähern sich nach und nach Kleingruppen, die größtenteils aus Männern bestehen, dem Ort, an dem noch was los zu sein scheint. Die Einlassschicht ist plötzlich damit konfrontiert, Leute an der Tür darauf hinzuweisen, dass dies ein feministisches HipHop Festival ist, nervigen Typen zu sagen, dass sie hier heute keinen Platz haben, sich deren widerwilligen bis aggressiven Reaktionen entgegenzustellen.

I wanna be the greatest of what I could ever be
take all the experience from former lives and break the barriers of my mind
cause I know I’m sick inside, I wanna heal, enjoy this life

Wir haben uns dazu entschieden, diesen Raum nicht in erster Linie über Ausschlüsse herzustellen. Wir haben eingeladen: Mädchen, Frauen, Tomboys, Lesben, Ladies, Sweethearts, Bitches und Butches, Nonmales, Females, Your Own Males, Trans, Drags und Dancehallqueens… Manche haben wir damit im Unklaren gelassen: „Ist das eigentlich open to all gender?“. Was wir wollten: Vor allem und im Speziellen die einladen, die meistens nicht diejenigen sind, die den Raum prägen, sondern eher die, die „auch da sind“.

Wir wollen einen HipHopRaum schaffen, der bigger than gender ist. Bigger than gender heißt für mich: Im Publikum stehen und die Performances genießen, die auf der Bühne, die im Raum, meine eigene. Meine Aufmerksamkeit diesem Moment schenken, ohne durch Blicke, sexistische Inszenierungen, rücksichtslose Raumnahme permanent auf eine bestimmte Position im gegenderten Machtgefälle verwiesen zu werden.

Bigger than gender heißt ebenso: Begreifen, dass gender lange nicht alle Erfahrungen fassen kann. Das Weißsein vieler feministischer Räume angehen. Verstehen, dass radikale Veränderung keine Frage von Quoten ist, sondern das Zulassen und Anerkennen unterschiedlicher Perspektiven. Fragen stellen, Komplexitäten denken, den vermeintlichen Selbstverständlichkeiten an die Wurzeln gehen. Das heißt auch, den Rassismen, die so oft mit der Kritik an sexistischem HipHop einhergehen, etwas entegenzusetzen.

Das Festival – ein Raum, der Machtverhältnisse in Frage stellt? Ein Raum, der empowert aber auch verunsichert.

check three :::

Samstagabend, 23 Uhr. Vices et Râlements Déviants stehen auf der Bühne. Sie rappen mit Wut und Nachdruck was bisher zu selten gesagt wurde, auch auf Bühnen:

Ihr habt sie uns aufgezwungen,
eure Heterosexualität, als einzig mögliches Modell
für Sensibilität, Zärtlichkeit und Sexualität.
Jungen lieben Mädchen, Mädchen lieben Jungen.
Die Idee, die ihr von Liebe habt,
beschränkt sich auf die Zeugung von Futter für Kanonen.
Zu unserer gehörten immer schon Begehren, Lust,
Zuneigung und Sternenexplosionen.
Ihr hört nicht auf, Hass auf Queers zu verbreiten,
Hass auf Unterschiedlichkeiten.
Ihr habt uns verbrannt, eingesperrt, gejagt, deportiert,
vergast, verraten, pathologisiert,
erforscht, ausgeschlossen, an uns herumexperimentiert,
uns misstraut und uns dann Krankheit attestiert,
uns getestet, uns verleugnet, uns verteufelt.
Euer Heterosexismus hat unsre Wut nur genährt.
Gegen euren Hass hat sich unser Lieben längst bewährt.
Nichts interessiert uns weniger als eure Normalität,
als euer Weihwassersex, eure Langeweile, eure Alltagseile,
eure Integration in das patriachal-kapitalistische, rassistische System,
in dem die einen für die Beherrschung der anderen stehn

[*]

check four :::

Eine Freundin sagt mir, wir hätten ein größenwahnsinniges Programm. Echt? Jeden Tag Workshops, zwei Konzertabende, ein Konzertnachmittag, ein Kinofilm, jeden Tag mehrere DJ*s, Spoken Word Bühne, Schokoeis, Open Stage, Ausstellungen… nein, das schien uns nicht zu viel, sondern gerade genug! Unsere Planung bewegt sich irgendwo zwischen Enthusiasmus und Überforderung. Viel wollen, an alles Mögliche denken, alles Unmögliche möglich machen, dabei noch aufeinander aufpassen – unsere feministischen Ansprüche an uns selber sind hoch. Was dabei am ehesten untergeht: das Auf-sich-selbst-aufpassen. Wir machen uns Sorgen, wenn wir die Augenringe der anderen sehen, selbst schlagen wir uns die Nächte um die Ohren.

Ich habe mir vor dem Festival oft vorgestellt, dass wir exzessiv tanzen und feiern werden, richtig ausrasten. Uns feiern. Dann ist Samstagabend, der Festivalabschlussabend. Alle sind irgendwo – ich hinter der Theke. Eine sieht müde aus, eine andere traurig, eine ist ins Bett, die andere scheint in ein kompliziertes Gespräch am Eingang verwickelt, eine andere – ?… Ich habe Halsschmerzen und bin erschöpft.

wenn awareness strukturen nicht sichtbar sind, dann ist was schief gegangen. einigen ist es ein fehler und lernprozess, anderen eine verletzung erfahren oder allein mit der situation bleiben

gibt es eigentlich awareness? eine frage oder mehr
ich antworte aber sehe dich nicht
verstehe nicht, dass du an der grenze bist
bleibe allgemein und theoretisch in meinen eigenen unsicherheiten und erzähle und verpasse dich
wie geht es dir gerade?
ich habe viele privilegien und andere, die habe ich nicht
was wäre, wenn jemand mir gesagt hätte, dass ich mich um mich kümmern soll und nicht um die einlassschicht, denn um sie würde gesorgt.
danke, aber warum sagst du es denn nicht

bilder im kopf
diskussionen die nie endenden
und die angst allein zu sein, einsam zu sein, nicht dazuzupassen, nicht den mund öffnen zu können, über eigene ängste und erfahrungen blöde situationen sprechen, kopflos mit vollem kopf reagieren, und wieder allein bleiben, danach auf dem dach über der sturmglocke sitzen und den rufen auf dem hof zuhören, fern von allen und so nah

jetzt noch mal von vorn: was ist meine verantwortung was unsere kollektive und wo sind meine grenzen und wie kann ich deine schützen und dich unterstützen

check five :::

Samstagmittag auf dem Hof des UJZ Kornstraße. Vier Workshops sind parallel an unterschiedlichen Orten am Laufen, hier ist es ruhig. Die Schlaflosigkeit – bis morgens um 6 Uhr tanzen, um 8 Uhr zum Putzen wieder wach sein – macht sich in meinen verlangsamten Gedankengängen bemerkbar. Ich genieße den Augenblick in der Sonne, die Ruhe, den Kaffee. Dann ist der Spoken Word Workshop von Moona Moon zu Ende. Die Teilnehmer*innen kommen einzeln und in kleinen Gruppen auf den Hof und plötzlich entsteht eine besondere Stille, greifbar. Ich sehe: strahlende, ernste, bewegte Gesichter. Etwas ist geschehen, etwas hat sich verändert. Hier und jetzt.

Als ich ein paar Stunden später im Publikum sitze und die Spoken Word Performances erlebe, Hass- und Liebesbriefen an HipHop lausche, weine und lächle ich gleichzeitig. Auf der Bühne stehen. Auf der Bühne sitzen. Erzählen. Im Erzählen stocken. Nochmal anfangen. Zuhören. Laut sprechen. Pausen. Leise sprechen. Wut sagen. Zuneigung sagen. Begehren sagen. Zuhören. Widersprüche sagen. Liebe sagen. Trauer sagen. Auf der Bühne stehen. Das ist feministischer HipHop.

The mic sounds good, check :::

Was wir uns mit diesem Festival sicherlich nicht beweisen mussten, weil wir es aus täglicher Erfahrung wissen: Feministische öffentliche Räume zu schaffen ist in dieser Gesellschaft ein Werkeln an der Utopie. Beim Werkeln fallen Späne: Es gibt Irritation, Unverständnis, Reibung, Konflikthaftes. Das sagt mir, dass das Schaffen eben dieser feministischen öffentlichen Räume genau das ist, was es braucht. Es braucht sie, damit etwas anderes entstehen kann, damit sich der Handlungsspielraum von Menschen, die sich mit weniger Privilegien durch diese Welt schlagen, vergrößert. Es braucht sie, um sich etwas anderes als den sexistischen und rassistischen Status Quo überhaupt vorstellen zu können. Es braucht sie, damit andere Selbstverständlichkeiten erlebbar werden. Und es braucht sie, um sich an etwas zu erfreuen, das weniger ermüdend und langweilig ist.

Der HipHop, den ich mir wünsche, ist ein solcher feministischer öffentlicher Raum. Bigger than!… feminist hiphop festival 2014 war musikalisches und feministisches Hochgefühl. Mehr davon! Denn HipHop ist zu machtvoll, um ihn anderen zu überlassen.

 

[*] Übersetzung vom Französischen ins Deutsche von L+L.

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